Von   24. November 2019

So klingt’s in den Bergen – Eine Klangreise ins Kleinwalsertal

H.T. aus P. schrieb am 11. September 2019 um 16:28:

Vielen Dank für den tollen Artikel mit den tollen Fotos. Mir fehlte nur das Rauschen des Baches als Untermalung der Bilder.

Diese freundlichen Zeilen in unserem Gästebuch haben uns dazu inspiriert, uns einmal mit dem Thema auseinanderzusetzen, wie das Kleinwalsertal denn eigentlich klingt. Wenn die Sehnsucht nach dem Tal zu groß wird, hilft es bisweilen, sich in die Fotos oder Videos des letzten Urlaubs zu vertiefen und damit auf eine Sinnesreise zu gehen.

Die 5 wichtigsten Sinne des Menschen sind Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen und Hören. Dazu kommen als Nr. 6 der Bewegungssinn und als Nr. 7 der Gleichgewichtssinn, die wir hier und heute vernachlässigen wollen, denn wir beschäftigen uns heute mit drei der Wichtigsten, mit dem Sehen und dem Hören – und was uns Sehen und Hören dann fühlen lassen.

Schaut euch eure Urlaubsbilder an. Ist da ein Bild dabei, welches euch besonders wichtig ist, was eine besondere Bedeutung für euch hat? Schließt eure Augen und lauscht den Klängen, die wir für euch aufgenommen haben. Was passiert dann in euch? Werden damit Erinnerungen wach?

Was passiert in uns, wenn wir bestimmte Dinge einfach nur sehen oder hören, die sich dem Tal zuordnen lassen? Darauf wollen wir hier näher eingehen.

1.Stille

Stille hören ist nicht einfach. Man muss sie hören können – und man muss sich auf sie einlassen. Für mich persönlich ist es das Größte, an meinem Lieblingsplatz zu sein und dort einfach nur der Stille zuzuhören. Das geht natürlich nicht immer. Dafür ist man am besten ganz früh morgens oder am Abend unterwegs. Wie fängt man Stille ein? Eigentlich gar nicht, deshalb verzichten wir in diesem ersten Punkt auch auf eine Tonspur. Aber für die Visualisierung von Stille ist ein Foto vom Glücksplatz hilfreich – jedenfalls für mich. Wenn ich mir das auf eine 1 x 1 m große Leinwand gezogene Foto von meinem Glücksplatz anschaue, passiert ganz viel – und da ich das selbst gar nicht auszudrücken vermag, bediene ich mich hier einiger (sinngemäßer) Textstellen aus einem Lied meiner österreichischen Lieblingsband, der „Seer“. Denn auch sie besingen ihren Glücksplatz – und sie könnten es nicht besser ausdrücken. Begleitet mich bei einer kleinen meditativen Reise, denn am Glücksplatz in vollkommener Stille:

  • hat die Schwere des Alltags keine Chance, da diese uns hier nicht erreicht,
  • fährt der Puls runter und man wird ganz ruhig,
  • ist es wie eine Andacht, in der man zu sich selbst zurückkehrt,
  • ist es eine Insel oder ein Nest, wo man sich geborgen fühlt,
  • werden Bilder und Geschichten wach, die nur die Stille seh- und hörbar macht.

Quelle: Die Seer, Album „Analog“, Titel „Foto vom Glücksplatz“

In Stille und Einsamkeit am Glücksplatz zu sein, ist ein großer Moment von Lebensfreude. Aber Fakt ist, man muss Stille auch aushalten können. Wenn man das aber schafft, erlebt man etwas ganz Besonderes. Habt ihr auch so einen Lieblingsplatz? Dann probiert es doch auch einmal aus: Nehmt euch ein Foto von eurem Lieblingsplatz vor. Schaut euch das Foto an und dann schließt die Augen. Stellt euch vor, ihr sitzt jetzt dort. Spürt ihr was? Wenn ja: Herzlichen Glückwunsch, ihr habt es geschafft. Wenn man in der Lage ist, die Stille der Natur zu hören, ist das ein ganz besonderes Geschenk. Lasst die Gedanken fliegen und werdet eins mit dem „Klang der Stille“.

2. Wind und Wetter und das Rauschen von Wasser

Nordwind wild, Südwind mild, Ostwind rau, Westwind lau – egal von woher er kommen mag, es ist immer ein schöner Tag. Je nachdem, woher er kommt, macht er bestimmte Stimmungen. Ganz egal, ob er Regen oder Sonne daher treibt, ob er als laues Lüftchen dem Wald hinterm Haus schmeichelt oder als Föhnsturm die Bäume am Schwarzwasserbach ordentlich durchschüttelt, lauscht man dem Rauschen des Windes, was mal leise ist, aber auch manchmal recht bedrohlich klingen kann, dann wird einem bewusst, dass der Mensch die Natur nicht beeinflussen kann. Treibt der Wind schwarze Wolken aus dem Schwarzwassertal oder über den Ifen vor sich her und beginnt es dann noch leise zu grummeln, zeigt die Natur uns Menschen, wie mächtig sie sein kann – und Gewitter in den Bergen sind nochmal eine ganz besondere Klasse für sich. Hier zucken Blitze heller und kräftiger als anderswo, klingt ein Donner lauter und bedrohlicher wie im flachen Land. Damit im Zusammenhang steht der Regen, der in seinem eigenen Rhythmus auf unserem Balkon prasselt und der wiederum für ein neues Geräusch steht: für das Geräusch des Wassers. Plätschert es manchmal nur fröhlich leise gurgelnd vor sich hin, kann sich der Ton des Wassers nach einem heftigen Regen oder auch nach der Schneeschmelze in ein bedrohlich heftiges Tosen verwandeln, das wir beispielsweise noch mehrere 100 m Luftlinie weiter oben vom Schwarzwasserbach herauf noch hören können und das uns dann höhnisch zuflüstert: „Ich habe die Macht.“ Die Macht nämlich, Steine zu polieren, Schluchten zu schneiden und manchmal leider auch Leid über die Menschen zu bringen. Wasser hat eine mächtige Unendlichkeit und Größe. Auch ich selbst habe im Tal einen besonderen Platz am Wasser, zu dem ich immer wieder zurückkehre und an dem dann ganz bestimmte Gefühle immer und immer wieder die Oberhand gewinnen.

Das Rauschen von Wasser, Wind und Regen

3. Glockenklang

Glockenklang im Tal ist sehr vielfältig. Da gibt es Kirchenglocken, von denen jede ihren eigenen Klang hat. Ich denke hier besonders an die Kirchenglocken der katholischen Kirche Mariä Opferung im Ortskern von Riezlern, die mit ihrem tiefen Klang zu Gottesdiensten ruft, regelmäßig die Schönheit ihres kompletten Geläuts hören lässt oder einfach nur die Zeit angibt. Mischt sich in diesen Klang das fröhliche helle „BimBim“ unseres Schwendekapellchens, der Fatima-Kapelle Maria Dank in der Innerschwende, noch mit ein, macht sich eine ungewöhnliche Leichtigkeit breit. Und wenn ich dann für meinen ganz persönlichen Moment der Andacht, gewollter Einsamkeit und Ruhe in der Maria-Hilf-Kapelle in Unterwestegg sitze und über mir im knarzenden Gebälk auch deren Glocken schlagen, habe ich immer wieder aufs Neue dieses ganz besondere Gefühl von tiefer Dankbarkeit.

Die Glocken der Kirchen Mariä Opferung in Riezlern und der Schwendekapelle

Dann gibt es Glocken am Hals von Kühen und Glöckchen am Hals von Ziegen. Das fröhliche Läuten dieser Glocken, welches auf der Alp wichtig ist, damit der Senn seine Tiere auch hört, lässt vor dem geistigen Auge das Bild von glücklichen Tieren auf der Sommerweide erscheinen. Es lässt Stress vergessen, erinnert an schöne Sommertage in den Bergen, an Gemächlichkeit und eine durchaus friedliche Natur. Macht sich da nicht auch bei euch das Urlaubsfeeling schlechthin breit?

Und dann ist da noch ein ganz besonderer Glockenklang, der eigentlich nur zu einer bestimmten Zeit zu hören ist, nämlich jetzt, wenn das Jahr dem Ende entgegen geht. Es sind die Glocken (Schellen) der Krampusse vom Verein „D‘ Bommera“, die als besonderes Highlight in der Vorweihnachtszeit durch das Tal ziehen. Schon lange, bevor man diese furchteinflößenden Gesellen auf ihrem Weg durch das Dorf sieht, hört man sie. Damit verbunden ist gelebtes Brauchtum, denn der Krampus ist eine Gestalt des Adventsbrauchtums im Alpenraum und stammt ursprünglich aus der vorchristlichen Zeit. Vielleicht liest ja einer der Krampusse aus dem Tal jetzt unseren Blog hier und hat Lust, uns etwas über das Vereinsleben der „Bommera“ zu erzählen? Dann freue ich mich auf eine Nachricht von euch.

4. Musikalische Klänge: Blasmusik und Alphörner

Das musikalische Leben hier ist vielfältig und sehr aktiv. Die drei im Kleinwalsertal existierenden Blasmusikkapellen (Musikkapelle Riezlern, Trachtenkapelle „Harmonie“ Mittelberg und Musikverein „d‘ Hirschegger“ Hirschegg) gestalten das Dorfleben sehr aktiv mit. Sie verstehen es ausgezeichnet, Feste zu feiern und das Leben leichter zu machen. Egal ob Osterkonzert, Dorffest, der Tag der Blasmusik jedes Jahr in allen Ortsteilen oder Weihnachtskonzerte, wann immer man die Melodien der Musikkapellen hört, geht das ins Ohr und oft genug auch gleich mit in die Beine. Nicht vergessen wollen wir hier auch den Klang der Alpen schlechthin: den der Alphörner, die im Kleinwalsertal alle 2 Jahre zum Alphornfestival erklingen. Das Alphorn verkörpert wie kein zweites Instrument den Ruf der Berge, sein besonders angenehmer Klang hat immer wieder auf’s Neue etwas ganz Besonderes. Und wer wie wir schon in 2000 m Höhe mit direktem Bergpanorama den sanften Tönen einer ganzen Gruppe von Alphörnern lauschen durfte, der weiß, wovon wir hier reden.

5. Die Tierwelt

Die Walser Tierwelt ist vielfältig. Sie zu sehen ist unsagbar schwer, ihre Töne einzufangen noch schwerer. Wer aber mit offenen Augen und Ohren durch die Natur läuft, wird auch das erleben dürfen.

Grillenzirpen am Morgen, wenn das Tal erwacht, ist eines der Geräusche, die uns am Morgen schon erden. Sind wir am Berg unterwegs und es schallt ein durchdringender Pfiff durch die Landschaft, könnten das Murmeltiere sein, die ihre Mannschaft warnen – doch wo sitzen sie? Auf dem Stein dort hinten? Auf dem Hügel da links? Der Schrei des Königs der Lüfte, des Adlers, den wir in den Bergen vernehmen können, lässt uns den Blick unweigerlich gen Himmel richten. Haben wir ihn dann entdeckt, ist es besonders faszinierend, zu beobachten, wie er majestätisch über uns schwebt und seine Runden zieht. Rotwild und Steinbock bewegen sich meist lautlos, aber manchmal hört man doch auch da ein wildes Krachen, nämlich dann, wenn sie Rangkämpfe ausfechten und ihre schweren Geweihe oder Hörner aneinander krachen. Hat man mal das Glück, das zu beobachten, sollte man einfach still verweilen und dieses Schauspiel auf sich wirken lassen. Für mich persönlich das Schönste ist aber, wenn ich unser Rudel Gemsen beobachten darf, die sich im Winter gelegentlich bei uns hinter dem Haus tummeln. Still stehe ich dann am Fenster und erfreue mich einfach nur am Anblick dieser wunderschönen Tiere.

Ansonsten aber gilt: Respektiere deine Grenzen – diese Tierwelt ist so einzigartig wie sensibel und ihre Lebensräume gehören geschützt. Für uns Menschen heißt es da einfach nur Abstand halten. Ich sage es mal ganz salopp: „Anschauen (anhören) erlaubt, Anfassen verboten.“ Und wenn wir an einem schönen Sommerabend bei einem guten Glas Wein auf unserem Balkon in der Innerschwende sitzen und erneut dem Zirpen der Grillen und dem Zwitschern der Vögel zuhören, kann man in Ruhe den Tagesausklang genießen. Doch ich frage mich gerade: Zwitschern die Vögel im Kleinwalsertal eigentlich walserisch? Denn das ist der letzte und zugleich wichtigste Punkt unserer Klangreise.

6. Der Dialekt

Das Wesentlichste Hören im Kleinwalsertal ist der Walser Dialekt. Das „Walserdütsch“, welches von Sprachwissenschaftlern auch als höchstalemannische Mundart bezeichnet wird, weist noch immer alt- und mittelhochdeutsche Sprachmerkmale auf. Ein Fremder, der einem Zwiegespräch von Einheimischen lauscht, wird eine gewisse Ähnlichkeit zum „Schwyzerdütsch“ feststellen, was der Abstammung der Walser zuzuschreiben sein dürfte. Es gibt jedoch sehr einprägsame Laute und Ausdrücke, die nur der walserischen Sprachgemeinschaft eigen sind. An ihnen erkennt man den Walser hinter der Walserschanz. Über viele hundert Jahre ist es den Walsern gelungen, ihre Sprache als ganz besonderen Kulturschatz zu bewahren. Für Fremde ist sie manchmal schwer zu verstehen. Man muss sich auf sie einlassen und konzentriert zuhören. Ich erinnere mich hier immer wieder gern an gemeinsame Abende mit Freunden, die sich mir zuliebe zusammenrissen und hochdeutsch sprachen, aber mit fortschreitender Stunde immer mehr ins tiefe „Walserla“ verfielen, so dass ich irgendwann dann doch protestierte, weil ich der Unterhaltung nicht mehr folgen konnte. Trotz allem oder erst recht ist es schön, dass der Dialekt noch gesprochen wird und somit Tradition und Brauchtum gepflegt werden. Es sind die stolzen Walser, die ihre Herkunft niemals verleugnen. Es ist der Klang dieses Dialektes, der die Walser so unverwechselbar und einzigartig macht. Dazu habe ich meinen lieben Freund Rolf gebeten, mir ein – wie ich persönlich finde – wunderschönes Gedicht von Ildefons Flatz zu lesen. Und jetzt schließt die Augen und lauscht dem besonderen Klang einer tollen Stimme im Originaldialekt:

Damit beschließe ich meine Klangreise durch das Kleinwalsertal. Habt ihr bei den Tönen vor eurem geistigen Auge auch die Bilder gesehen – die Bilder, die sich den Tönen zuordnen lassen? Wart ihr gedanklich mit im Tal? Dann hat dieser – leider etwas zu lang geratene – Text seinen Zweck erfüllt.

Alle hier eingestellten Tonaufnahmen sind aus selbst aufgenommenen (zum Teil Handy-)Videos extrahiert. Für eine evtl. nicht ganz so gute Qualität bitte ich deshalb um Verzeihung. Danke an Rolf Köberle für die Mitarbeit an diesem Projekt.